Zu scharf für diese Welt

Heute habe ich dem Besten aller Gatten das Mittagessen verleidet, obwohl ich ihm ein anständiges Mahl gekocht hatte. In der schönen und frisch vom Markt bestückten Gemüsepfanne hatte ich eine Chilischote, die ich zwecks leichter Schärfe im Ganzen mitgebraten habe, beim Servieren übersehen. Der hungrige Mann schaufelte sich begeistert Paprika, Möhren und Reis ins Mäulchen und biss prompt auf die Schote, die im folglich die Tränen ins Auge trieb, was einen Komplettpunkteabzug zur Folge hatte. Dann bemängelte er noch den Knoblauch, den „er nicht an das Gericht gegeben hätte“, worauf ein Wort das andere gab und wir uns gar prächtig und politisch völlig unkorrekt auseinandersetzten.

Zu scharfe Paprikapfanne

Das können wir, denn wir üben genau den verschärften (sic!) Diskurs, der gesellschaftlich nicht mehr opportun scheint. So mussten wir in der FAS lesen, dass man sich über das Werk „Marcella“ des Brücke-Malers Ernst Ludwig Kirchner, das im Rahmen einer Ausstellung zur Zeit im Sprengel-Museum in Hannover zu sehen ist, aufregt, da es eine nackige, geschminckte Minderjährige darstellt, wie wohl diese degenerierte Kunstblase ja ein Auge für junge Fräulein in verfänglichen Situationen und zweideutigem Ausdruck gehabt hat. Nun hat man „beim Ade“ Bilder der Künstlergemeinschaft Die Brücke auch mal gerne angezündet, was heute wieder en vogue wird, wie es ausschaut. Die Welt sieht den Fall ein wenig differenzierter, muss aber auch darauf herumreiten.

Ich frage mich, wieso man heutige Maßstäbe an 100 Jahre alte Kunst anlegen muss und wie gaga eine Gesellschaft ist, die sich hier ein pikantes Pädo-Skandälchen strickt, wo andernorts aktuelle Skandale zuhauf herum liegen. Die Vergangenheit muss aus ihrem Kontext heraus begriffen werden – es funktioniert nicht, einzelne Teile herauszupicken und mal rasch nach modernen Auffassungen und Zeitströmungen zu beurteilen. Andersherum wird ein Schuh daraus: Wer verstehen will, was heute passiert, der sollte seine Geschichtsbücher studieren, Zeitgenossen lesen und die Kunst der jeweiligen Epoche aus ihrer Zeit heraus interpretieren.

2 Kommentare auch kommentieren

  1. DerGatte sagt:

    Zur Schote sei vom undankbaren Gatten angemerkt, dass sie wirklich schmeckte, als ob man das heiße Zinn von einem Lötkolben lutschen würde; und zum Knoblauch, dass er nicht zu süßlichen roten und gelben Paprika passt, auch nicht zu den süßlichen Pistazien. Merke: süß != Knoblauch.

    Damit mich niemand für einen nörgelnden Pascha hält: Bei mir laufen ja schon Beschwerden ein, wenn ich nur wage, Dill und Schnittlauch gemeinsam in einen Salat zu heben! Oder mich für die (je nach Sichtweise) falsche Reihenfolge der Zugabe von Gemüse in den Wok entscheide!! Das muss man doch noch sagen dürfen!!!

  2. Ja, ja, ja, aber wenn Sie wüßten, WAS der Gatte alles in einen Salat oder ein Wokgericht werfen kann, hätten Sie da sicherheitshalber auch ein Auge drauf. (Nicht, dass er nicht manchmal einen Coup landen würde mit seiner wilden Würzkreativität..)

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